Denken und Meinungsäußerung

Veröffentlicht am 23. April 2026 um 11:05

Foto per KI erstellt

 

Bereits Ende der 60ger/Anfang der 70er Jahre bin ich mit meiner Mutter in die Stadtbücherei gegangen, um Bücher auszuleihen.

Gern lernte ich das Lesen in der Schule. Meine Freizeit verbrachte ich größtenteils mit Büchern. Lesen wurde meine Leidenschaft. Wenn andere Kinder, wie auch mein Bruder, Kassettenrekorder oder einen kleinen, schwarz-weiß Fernseher zur Kommunion geschenkt bekamen, erhielt ich neben Bargeld Bücher als Geschenke.

Ich habe Romane verschlungen. In die Tiefe der Geschehnisse versank ich, d. h. ich identifizierte mich oft mit den RomanheldInnen. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich in dieser anderen Welt, einer Traumwelt. Es war u. a. auch eine Flucht aus dem Jetzt.

Wenn ich beim Lesen gestört wurde, musste ich einen Augenblick haben, um mich wieder in der Realität des Alltages zurecht zu finden.

 

Sich mit sich selbst zu befassen durch Meditation, Reflexion war nicht angesagt. Gefühle traten in den Hintergrund.

 

Zum damaligen Zeitpunkt – in den 60er, 70er und auch 80er Jahren - lernte man, zu funktionieren. Somit war es klar, dass ich zu einem sog. Kopfmensch erzogen wurde.

Logisches Denken war angesagt, ob in der Schule, später im Studium, im Beruf oder auch zuhause.

Zum Funktionieren gehörte auch, dass man zwar eigenständig denken oder auch mitdenken sollte.

Jedoch war innovatives, eigenständiges Denken nur in Grenzen erlaubt. Es musste ja den sog. Regeln, Rahmenbedingungen angepasst sein.

 

Diskutieren wurden zwar in der Schule gelernt, aber wehe, man hatte eine andere Meinung.

Dann wurden auch KlassenkameradInnen hässlich. Gemeine Äußerungen trafen und verletzten. Heute nennt man das Mobbing.

An ein Thema kann ich mich noch gut erinnern. Es war in der 7. Klasse des Gymnasiums, als das Thema Kooperative Schule aufkam.

Aufgrund der Gleichbehandlung der SchülerInnen und auch der Nutzung des gemeinsamen Schulhofes fand ich das Konzept damals gut. Ich hatte mir eine Meinung gebildet, die in einer Diskussion im Deutschunterricht von mir geäußert wurde.

Mir ging es darum, dass die SchülerInnen aus allen Schulzweigen gemeinsam spielen und auch anderweitigen Kontakt haben sollten. Damals, in den 70er Jahren, bildeten sich manche SchülerInnen etwas ein, dass sie auf das Gymnasium gingen und schauten herablassend auf Real- und HauptschülerInnen.

 

Sofort wurde ich von einer Mitschülerin mit dem Zwischenruf „Warum bist Du eigentlich hier auf der Schule?“ attackiert.

In dem Augenblick war ich sehr verletzt, da dies auch in einem missachtenden Tonfall gesagt wurde.

Im Nachhinein stehe ich darüber, aber ich kann den Vorfall nicht vergessen. Auch heute mit 64 Jahren ist dies noch präsent.

 

Sehr progressiv habe ich mich damals auch im Schulunterricht zum Thema Verhütung und Abtreibung geäußert – und das auf einem katholischen Mädchengymnasium. Ich hatte mich für Verhütung und für Abtreibung in bestimmten Fällen ausgesprochen.

Oh, was erhielt ich für Anfeindungen durch die MitschülerInnen.

 

Ferner habe ich im weiteren Familienkreis bei einem Verwandten auch die Erfahrung gemacht, dass Frauen schön zum Ansehen und als Sexualobjekt dienen. Aber sie dürfen nicht denken und den Mund aufmachen. Nur die Meinungen der männlichen Familienmitglieder sind gefragt.

Jahrelang habe ich mir dies bei den Familienfeiern angeschaut. Ich fühlte mich dort auch nicht wohl und war froh, abends wieder zuhause zu sein.

Jetzt distanziere ich mich von diesem Verhalten und denke nur, dass ich den betagten Verwandten nicht mehr in seine Schranken weisen kann.

Meine Toleranz sagt mir: Er „tickt“ eben anders.

 

Die Erfahrungen und die Erziehung im Elternhaus und in der Schule haben mich gelehrt, dass ich meine Meinung für mich behielt.

Auch bestärkten mich die bereits geschilderten Vorfälle, den Mund zu halten.

Ich schaute mir das Geschehen in den Cliquen und in der Schule an. Mit der Zeit wurde ich zum sog. Einzelkämpfer – ich gehörte nirgendwo zu. Ich zog mich zurück. Man brauchte mich nicht.

Andere Personen, die sich gut in Positur werfen konnten, zogen alle Personen an und mit sich. Sie wurden die Rädelsführer.

 

Im Beruf verlief es genauso. Zweimal war ich Opfer eines sog. Bossing, da ich dem Vorgesetzten widersprach und auch eigene Gedanken einbrachte. Ich habe immer nach Vorschrift meine Arbeiten ausgeführt, aber wenn ich innovative Möglichkeiten vorschlug, war es kontraproduktiv. Ich eckte wieder an. So lernte ich jahrzehntelang, mich zurückzunehmen.

 

Meine Gedanken, meine Ideen lagen brach, ich musste sie für mich behalten.

Ich konnte mich in dem Umfeld nicht weiterentwickeln.

 

2010 habe ich im kleinen Rahmen rebelliert: gegen die Kirche. Nach dem Tod meines Mannes im Jahr 2009 bin ich dann doch letztendlich aus der Institution Kirche ausgetreten. Diese Entscheidung fiel nicht leicht, aber tat mir gut. Die römisch-katholische Kirche wollte und will ich nicht in ihrem Kirchenrecht unterstützen. Für mein Ausscheiden gab es verschiedene, schwerwiegende Gründe, die ich hier nicht erläutern werde.

 

Mit 60 Jahren – vor 4 Jahren – gab es bei mir die große Wende!

 

Langsam äußerte ich mich mehr. Man hätte sagen können, dass ich richtig rebellisch wurde.

Aber was hatte ich noch zu verlieren. Da meine Arbeit nur noch durch das Controlling gemessen wurde, war mir klar, dass ich meine sog. Soll-Zahlen zu erfüllen hatte, aber ich doch nun meine Gedanken ohne Angst vor Repressalien äußern konnte.

 

Das zog ich durch. Und ganz extrem wurde ich, als ich hörte, dass ich zum 01.05.2025 in Frührente gehen könnte.

 

Nun bin ich soweit, dass ich auf keinen und nichts Rücksicht nehme.

Ich äußere meine Meinung, wie es mir passt.

 

Wenn es mir doch zu viel mit anderen Menschen wird, ziehe ich mich zurück und lasse los.

 

Ich bin ein freier Mensch!

 

Nun habe ich für mich erkannt, dass viele Menschen mit der Ehrlichkeit und der freien Meinungsäußerung nicht klarkommen. Das ist nicht mein Problem!

 

Natürlich passe ich auf, dass ich andere Personen nicht verletze. Es kommt ja darauf an, wie ich auch negative Sachen nett äußern kann.

 

Aber ich bin ehrlich und bleibe ehrlich - insbesondere zu mir selbst!